Forschungsprojekte
Anforderungen und Ressourcen im Berufszyklus von Lehrerinnen und Lehrern ARBEL
Projektbeschreibung
Eine prospektive Längsschnittuntersuchung zur Identifikation relevanter Indikatoren in der Aus- und Weiterbildung
Das Projekt wurde zwischen 2003 und 2007 an den Pädagogischen Hochschulen Bern und Zürich durchgeführt, unter Mitleitung von Prof. Dr. Alexander Grob, Institut für Psychologie, Universität Basel.
Im Folgenden findet sich ein Überblick über das Studiendesign und übergeordnete Ergebnisse und einige Literaturhinweise.
Ausgangslage, Zielsetzung und Design der Studie
Die Studie richtete sich auf einen Bereich der Lehrerinnen- und Lehrerforschung, welcher vernachlässigt erschien: Sie fokussierte auf die Personentwicklung von Lehrerinnen und Lehrern im Verlauf ihres ganzen Berufslebens, von der Ausbildung über den Berufseinstieg bis hinein in spätere Berufsjahre. Folgende Fragestellungen standen dabei im Zentrum:
- Welche Anforderungen und Beanspruchungen prägen das Berufserleben an unterschiedlichen Stationen und Übergängen der Berufslaufbahn?
- Welche Bewältigungsmuster und Ressourcen werden dabei genutzt, um die Berufsarbeit zufrieden stellend leisten zu können?
- Wie steht es um die Berufszufriedenheit und das Wohlbefinden der Lehrerinnen und Lehrer an den verschiedenen Übergängen ihrer Entwicklung?
Diese Einsichten in die Berufsentwicklung wurden durch zwei Sichtweisen angestrebt:
- durch den biografischen Rückblick der Lehrerinnen und Lehrer auf ihre berufliche Entwicklung
- durch den im Ein- bzw. Zweijahresabstand wiederholten Blick auf die aktuelle Wahrnehmung und Bewältigung der Berufsarbeit an der gegenwärtigen Station der Berufslaufbahn.
Erste Erhebungen fanden zwischen 2003 und 2005 bei rund 850 Personen statt, gefolgt von Wiederholungsmessungen bei rund 380 Personen nach einem bzw. zwei Jahren. An der Studie nahmen Studierende der Pädagogischen Hochschulen Bern und Zürich und berufstätige Lehrpersonen der beiden Kantone teil.
Der Fragebogen der Erstbefragung gliederte sich in drei Teile:
1. Allgemeine Angaben zu Person, Aus- und Weiterbildung, gegenwärtiger Anstellung, Klassensituation, Arbeitsgestaltung und Tagesstruktur;
2. Stichwortartige Eckdaten zur individuellen Biografie, kurze Berichte zu bedeutsamen Ereignisse und Themen im Berufsverlauf und Einschätzung der subjektiven Befindlichkeit im Lebenslauf;
3. einen Skalenteil mit Fragen zu eigenen Zielen der Berufsarbeit, wahrgenommenen Anforderungen und Ressourcen, insbesondere auch sozialer Unterstützung, Belastungsverarbeitung und Coping, Reaktionen gegenüber Schüler/innen, Selbstwirksamkeit als Lehrperson, Belastungen, Beschwerden, Arbeitszufriedenheit und Wohlbefinden.
Der Fragebogen der Zweitbefragung enthielt in praktisch identischer Form wie bei der Erstbefragung den ersten und dritten Teil. Im zweiten, biografischen Teil wurde nunmehr nur noch Bezug genommen auf die seit der Erstbefragung verflossene Zeitspanne; ergänzend wurden die Proband/innen aber aufgefordert, bedeutsame Erlebnisse spezifisch im Zusammenhang mit Fragen der Disziplin und Klassenführung zu berichten.
Zentrale Auswertungsstrategien und Ergebnisse
Folgende drei Auswertungsstrategien lagen im Zentrum der Studie:
1. Ähnlichkeit und Verschiedenheit des beruflichen Verhaltens und Erlebens für Lehrpersonen unterschiedlichen Alters bzw. unterschiedlich langer Berufserfahrung: Querschnittsanalysen hauptsächlich der Daten der Erstbefragung
2. Stabilitäten und Veränderungen des beruflichen Verhaltens und Erlebens: Längsschnittanalysen zwischen Erst- und Zweitbefragung
3. Verbindung quantitativ erfasster aktueller Personmerkmale des beruflichen Verhaltens und Erlebens mit qualitativ erfassten biografischen Berichten: Die biografischen Berichte wurden inhaltsanalytisch aus verschiedenen Perspektiven ausgewertet und in Beziehung zu quantitativen Daten aktueller Personbeschreibungen gebracht.
1. Ähnlichkeit und Verschiedenheit des beruflichen Verhaltens und Erlebens für Lehrpersonen unterschiedlichen Alters bzw. unterschiedlich langer Berufserfahrung
Die Studienteilnehmenden wurden für die weiteren Analysen in folgende Berufserfahrungsgruppen eingeteilt:
- Studierende im letzten Ausbildungsjahr vor dem Berufseinstieg,
- junge Lehrpersonen nach dem Berufseinstieg mit zumeist 1 bis 2 Jahren Berufserfahrung,
- Lehrpersonen mit längerer Unterrichtspraxis, d.h. mehrheitlich mit 11 bis 28 Jahren Berufserfahrung,
- und Lehrpersonen vor dem Berufsausstieg durch Pensionierung, mit mehrheitlich 28 bis 43 Jahren Berufserfahrung.
Im Blick auf diese vier Berufserfahrungsgruppen gaben folgende ausgewählte querschnittliche Ergebnisse ein erstes Bild unterschiedlicher Anforderungswahrnehmung und -bewältigung
Belastungen:
alle Erfahrungsgruppen fühlten sich durch ausserunterrichtliche Pflichten gleichermassen hoch belastet; die Reformtätigkeit im Schulsystem fiel bei den Lehrer/innen vor Rente stärker als Belastung ins Gewicht als bei den jüngeren Stichproben; unterschiedliche Lernvoraussetzungen bei den Schüler/innen belasteten die Lehrpersonen in den ersten Berufsjahren stärker als die älteren Lehrer/innen; dabei fühlten sich aber alle Erfahrungsgruppen gleichermassen wenig durch fremdsprachige Kinder belastet; ebenso wenig führte im Durchschnitt das Kollegium bzw. die Kollegiumsarbeit zu Belastung; es zeichneten sich keine geschlechtsspezifischen Belastungen ab.
Ziele:
Das Engagement für die Schüler/innen wurde bei allen Erfahrungsgruppen als hoch wichtig eingeschätzt, allerdings mit zunehmendem Alter leicht abnehmend; alle vier Erfahrungsgruppen erachteten das Streben nach Kompetenz gleichermassen als wichtig; ebenfalls relativ stark kam ein Bedürfnis nach Anerkennung zum Ausdruck, dabei höher bei den beiden jüngeren Stichproben der Studierenden bzw. der Lehrpersonen in den ersten Berufsjahren als bei den berufserfahreneren Stichproben; das Engagement für die Schule erschien im Vergleich zu diesen ersten Zielbereichen etwas weniger wichtig, dabei aber für die älteren Stichproben wichtiger als für die jüngeren Stichproben; vergleichsweise niedrig wurde auch die Wichtigkeit von Erholung eingeschätzt, wobei dieses Bedürfnis am stärksten bei den Lehrpersonen in den ersten Berufsjahren gewichtete; es zeichneten sich keine geschlechtsspezifischen Zielsetzungen ab.
Selbstwirksamkeit, Engagement und Distanzierung:
Die berufliche Selbstwirksamkeit war in allen Erfahrungsgruppen intakt vorhanden, wenn auch über das Alter hinweg abnehmend; der Optimismus der Studierenden schien einem Realismus der erfahreneren Lehrpersonen zu weichen; ältere Lehrpersonen schätzten ihr Engagement dagegen höher ein, identifizierten sich damit evtl. stärker mit ihrem Beruf als die jüngeren Befragten; die jüngeren Lehrpersonen drückten wiederum eine höhere Distanzierung gegenüber dem Beruf aus als die älteren Lehrpersonen.
Coping:
In schwierigen Situationen wählten Lehrpersonen aller Erfahrungsgruppen gleichermassen die soziale Ablenkung als ‚typische’ Bewältigungsorientierung (wir könnten auch fragen: wofür ist das typisch? Liegt da ein berufstypisches Muster vor?), dies aber bei intakter Aufgabenorientierung und gelingender Emotionsregulierung; Frauen wandten sich in belastenden beruflichen Situationen häufiger ihrem Bekanntenkreis zu als Männer, lenkten sich auch etwas häufiger durch andere Tätigkeiten wie Filmbesuche oder Essen-gehen ab und empfanden etwas mehr emotionale Beunruhigung (letztere beiden Ausprägungen waren dennoch vergleichsweise tief).
Körperliche Beschwerden, Erschöpfung und Zufriedenheit:
Der Gesundheitszustand und die Lebenseinstellung der befragten Lehrpersonen konnte im Durchschnitt als positiv bezeichnet werden, insbesondere auch jene der ältesten Stichprobe der Lehrpersonen vor Rente, welche eine Stichprobe der ‚Überlebenden’ darzustellen schien; Erschöpfung sowohl in Form von Müdigkeit wie psychischer Ausgelaugtheit schien die am ehesten anzutreffende Beeinträchtigung zu sein, wenn auch im Durchschnitt in einer nicht alarmierenden Ausprägung; insbesondere die älteste Stichprobe bezeichnete sich als recht zufrieden bezüglich der Arbeit; der Schritt vom Studium in die Berufsarbeit war bei der jüngsten Stichprobe offensichtlicher Anlass zu einer Steigerung der Zufriedenheit.
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Literaturhinweis:
Fitz, Beatrice (2005). Arbeitszufriedenheit und Burnout. Untersuchung bei Studierenden und Lehrpersonen in den Kantonen Bern und Zürich. Lizentiatsarbeit am Institut für Psychologie, Universität Bern.
2. Stabilitäten und Veränderungen des beruflichen Verhaltens und Erlebens
Ein Teil obiger Verhaltens- und Erlebensaspekte floss in eine
Profilbildung des beruflichen Bewältigungsverhaltens
ein, welche in Anlehnung an die AVEM (Arbeitsbezogene Verhaltens- und Erlebensmuster; Schaarschmidt & Fischer, 1996) konzipiert worden war. In den Grundzügen bildeten die vier cluster- und diskriminanzanalytisch gewonnenen Profilgruppen folgende Verhaltens- und Erlebensmuster ab:
- Personen des gesundheitsförderlichen Musters G kennzeichneten sich durch ein mittleres bis hohes Arbeitsengagement mit hoher problemorientierter Arbeitshaltung, wenig Resignationstendenz bei Misserfolg, intakter Distanzierungsfähigkeit, positiven Berufserfahrungen und positiver Lebenseinstellung;
- die Bezeichnung Typ-A-Muster wurde Personen mit hohem Arbeitsengagements bei eingeschränkter Distanzierungsfähigkeit, erhöhter emotionale Irritierbarkeit und einer Tendenz zu Resignation angesichts von Misserfolgen, insgesamt aber eher positiven Berufserfahrungen und positiver Lebenseinstellung zugeordnet;
- Personen des Musters Schonung S charakterisierten sich durch vergleichsweise wenig Arbeitsengagement bei intakter Distanzierungsfähigkeit und emotionaler Ausgeglichenheit, eher wenig Resignationstendenz, insgesamt eher positiven Berufserfahrungen und positiver Lebenseinstellung
- Personen mit dem Muster Burnout-Gefährdung B wiesen ein mittleres Arbeitsengagement auf, aber wenig problemorientierte Anforderungsbewältigung bei erhöhter emotionaler Irritierbarkeit und Resignationstendenz angesichts von Misserfolgen, eher eingeschränkter Distanzierungsfähigkeit und vergleichsweise weniger positiven Berufserfahrungen und weniger positiver Lebenseinstellung.
Für die Gesamtstichprobe der Erstbefragung ergab sich folgende querschnittliche Verteilung auf die einzelnen AVEM-Muster (differenziert für die beiden Kantone Bern und Zürich ergaben sich in etwa die gleichen Anteile; die Differenzierung nach Geschlecht oder Berufserfahrungsgruppen erbrachte keine signifikanten Häufigkeitsunterschiede): Rund ein Viertel der antwortenden Personen konnte dem gesundheitsförderlichen Profil G zugeordnet werden; etwa jede zehnte Person wies ein Typ-A-Verhalten auf; je rund ein Drittel zeigten entweder ein eher zurückhaltendes, Ressourcen schützendes und sich schonendes Arbeitsverhalten S oder eine Burnout-Tendenz B. Die Einteilung der Personen, welche an der Zweitbefragung teilnahmen, zeigte querschnittlich einen höheren G-Anteil (rund ein Drittel der Personen), dafür einen leicht reduzierten Anteil bei den beiden Risikomustern A und B.
Im Längsschnitt erwies sich die Zuteilung zu einem AVEM-Muster für die drei Muster G, S und B als am stabilsten (je rund zwei Drittel der Personen wurden bei der Zweitbefragung wieder dem gleichen Muster zugeordnet), für das Muster A als am instabilsten (nur rund die Hälfte, in der Berner Unterstichprobe sogar nur ein Viertel verblieben im gleichen Muster). Dies bedeutete umgekehrt, dass rund ein Drittel der Personen gemäss AVEM-Muster-Kennwerten eine tendenzielle Veränderung in Schwerpunkten ihrer Anforderungsverarbeitung mitmachten; diese Verlagerungen in der Copingdominanz erfolgten in diverse Richtungen, d.h. sowohl in gesundheitspsychologisch günstige (hin zu G und S) wie auch ungünstige Richtung (hin zu A und B); eine vollständige Umkrempelung des Verhaltens, wie es der Wechsel von A zu S oder umgekehrt andeuten würde, fand allerdings bei keiner Person statt.
Literaturhinweise:
Albisser, S., & Kirchhoff, E. (2007). Salute! – Zur berufsgesundheitlichen Kompetenzentwicklung Studierender. Journal für Lehrerinnen- und Lehrerbildung, 17 (4), 32-39.
3. Verbindung quantitativ erfasster aktueller Personmerkmale des beruflichen Verhaltens und Erlebens mit qualitativ erfassten biografischen Berichten
In aufwändigen inhaltsanalytischen Auswertungen wurde ein zentraler Teil der qualitativen Daten, die schriftlich berichteten bedeutsamen Ereignisse und Themen im Berufsverlauf, in drei Richtungen verdichtet:
- nach Lebensbereichen, die in den Berichten als bedeutsam für die berufliche Entwicklung dargestellt wurden,
- nach bedeutsamen Aspekten in der Frage nach Disziplin und Klassenführung,
- nach Aspekten des Kontrollverhaltens über die Berufsentwicklung hinweg.
Ergebnisse zu diesen drei Auswertungslinien werden im Folgenden umrissen. Eine weitere inhaltsanalytische Auswertungslinie stützte sich auf gesundheitspsychologische Modelle der Bedeutung von Ressourcen für die Erhaltung der psychischen und physischen Gesundheit und versuchte, die Tiefenqualität der Aussagen als „Nennung von Ressourcen“ zu erfassen. Dieser Auswertungsversuch wurde aufgrund des dafür zu wenig ergiebigen Aussagehalts der Berichte nicht mehr weiter verfolgt.
Lebensbereiche, die für die berufliche Entwicklung bedeutsam erschienen.
Die Analysen zu zentralen Lebensbereichen für die berufliche Entwicklung orientierte sich an (berufs-)biografischen Vorgängerstudien des Mitgesuchsstellers Prof. Dr. Alexander Grob und an handlungstheoretischen Überlegungen zum interaktionalen Verhältnis von Individuum und Umwelt. Die Berichte konnten fünf übergeordneten Lebensbereichen (und 43 dazu untergeordneten Feinbereichen) zugeteilt werden: „Ich als Person“, „Familie und Freundschaften“, „schulisch-beruflicher Werdegang“, „ausserberuflich-nichtfamiliärer Lebensbereich“ und „gesellschaftliches Umfeld“. Der Hauptanteil der Aussagen bezog sich auf den schulisch-beruflichen Werdegang. Darin kam u. a. eine Skepsis gegenüber dem Sinn des theoretischen Ausbildungsteils der Lehrerinnen- und Lehrerbildung mit einer relativ hohen Belastungsnennung prägnant zum Ausdruck, während die berufspraktischen Anteile im Sinne der Selbstbestätigung als Ressource dargestellt wurden. Jüngere Personen (Studierende und Berufseingestiegene) berichteten verhältnismässig mehr Erlebnisse mit einer gewissen Ich-Bezogenheit, dies bezogen auf bereits erlebte bedeutsame Ereignisse wie auch auf Wünsche und Hoffnungen für die Zukunft. Für Personen der älteren Teilstichproben erhielten dagegen jene Erlebenskategorien verhältnismässig mehr Gewicht, die sich auf das (Schul-)System bezogen (bildungspolitische Fragestellungen, Reformtätigkeit, Arbeitsmarktaussichten u.ä.).
Literaturhinweis:
Arnold, Katrin (2005). Bedeutsame Themen und Ereignisse im Berufsverlauf von Lehrerinnen und Lehrern. Eine qualitative Inhaltsanalyse. Lizentiatsarbeit am Institut für Psychologie, Universität Bern.
Bedeutsame Aspekte in der Frage nach Disziplin und Klassenführung.
Die qualitativen Daten zu den bedeutsamen Ereignissen im Zusammenhang mit der Frage nach Disziplin und Klassenführung wurden verdichtet nach Hauptakteuren in den berichteten Ereignissen, nach Dimensionen des störenden Schülerverhaltens, nach Interventions- vs. Präventionscharakter der Lehrerreaktionen und nach langfristiger Bedeutung der Ereignisse für die weitere berufliche Entwicklung. Diese Auszählungen wurden mit quantitativ erfassten Daten zu Selbstwirksamkeit und Burnoutgefährdungen der Lehrpersonen in Beziehung gebracht. Mehrheitlich traten Schilderungen von als störend erlebtem Schülerverhalten zutage. Schülerverhalten, welches als respektlos und persönlichkeitsverletzend wahrgenommen wurde, schlug bezüglich psychischer und physischer Erschöpfung am stärksten zu Buche; allerdings müsste weiter geklärt werden, inwiefern bereits bestehende Erschöpfung die Ereigniseinschätzung prägte und z.B. zu erhöhter Verletzlichkeitswahrnehmung führte. Lehrpersonen, denen es gelang, schwierigen Situationen auch etwas Positives für sich oder die eigene weitere Entwicklung abzugewinnen, schützten sich damit vor ungünstiger Entwicklung in Richtung Disengagement und Erschöpfung. Diese Fähigkeit positiver Bewertung/Bewältigung herausfordernder Situationen schien dabei nicht deckungsgleich mit dem Konzept der (beruflichen) Selbstwirksamkeit zu sein.
Literaturhinweis:
Aeberhard, Barbara (2006). Bedeutsame Situationen in Bezug auf Disziplin und Klassenführung: Lehrerberichte und deren Zusammenhang mit Burnout und Selbstwirksamkeit. Lizentiatsarbeit am Institut für Psychologie, Universität Bern.
Aspekte des Kontrollverhaltens über die Berufsentwicklung hinweg.
Diese Auswertungslinie verfolgte die Fragestellung, ob sich lebensspannetheoretische Annahmen zur Entwicklung von Kontrollstrategien (J. Heckhausen und Schulz, 1993, 1995, 1998) auf die berufliche Entwicklung von Lehrpersonen übertragen lassen. Die Berichte zu bedeutsamen Ereignissen und Themen im Berufsverlauf von 365 Lehrpersonen verschiedener Berufserfahrungsgruppen wurden dazu mit einem eigens erarbeiteten inhaltsanalytischen Kategoriensystem bezüglich ihres Kontrollgehalts kodiert. Die Auszählungen über die Berufserfahrungsgruppen hinweg zeigen die entwicklungspsychologische Wichtigkeit von sekundären Kontrollstrategien (wohlbefindens- und selbstwertschützende bzw. motivationale Prozesse) insbesondere zu Beginn der Berufslaufbahn, um das primäre Kontrollverhalten (direkte Einwirkung auf die Entwicklung bzw. die Umwelt) zu unterstützen. Mit längerer Berufserfahrung treten vermehrt Ängste, Befürchtungen und Kritik als entwicklungshemmende Momente zutage. Der Einbezug des Modells der Developmental Deadlines scheint für phasenspezifische Betrachtungen beruflicher Entwicklungsverläufe gehaltvoll zu sein. Der Zusammenhang zwischen dominanten Kontrollstrategien und beruflicher Selbstwirksamkeit konnte nicht in erwarteter Richtung gefunden werden.
Literaturhinweis:
Albisser, Esther (2008). Kontrollstrategien und Selbstwirksamkeit im biografischen Verlauf von Lehrerinnen und Lehrern. Masterarbeit am Institut für Psychologie, Universität Basel.
In
Kongressreferaten und Fachtagungen
in der Schweiz und Deutschland wurden weitere Analysen vorgetragen. Erkenntnisse dieser Referate werden aktuell an der vollständigen Stichprobe nachgeprüft, verfeinert und für Publikationen vorbereitet:
- Berufsgesundheit liess sich als Messmodell am besten durch die Abwesenheit von körperlicher und psychischer Erschöpfung erklären. Distanzierungsfähigkeit und soziale Unterstützung erklärten einen bedeutsamen Anteil der Varianz in der Berufsgesundheit. Soziale Unterstützung beförderte bedeutsam problemorientiertes Handeln und emotionale Ausgeglichenheit.
- In der retrospektiven Einschätzung wie auch in der querschnittlichen Betrachtung über verschiedene Berufserfahrungsgruppen hinweg verlief die Arbeitszufriedenheit über die Lebensspanne hinweg nicht derart deutlich u-förmig, wie in der Literatur oft berichtet. Frühere Zufriedenheit in Ausbildung und Beruf schien vor allem im höheren Alter eine wichtige emotionale Ressource für die aktuelle Zufriedenheit zu sein.
- Durch den Vergleich der zwei Studierendengruppen in regulärer vs. berufsbegleitender Ausbildung zur Lehrperson zeichneten sich interessante Erweiterungen der bisherigen Befunde ab: Personen in berufsbegleitender Ausbildung, welche bereits in einem anderen Beruf tätig gewesen waren, berichteten etwas stärker über berufliche Misserfolge und Enttäuschungen und reagierten in chaotischen Situationen etwas unruhiger als ihre Kolleg/innen in der regulären Vollzeitausbildung, welche sich zumeist in der Erstausbildung befanden.
- Für die Gesundheitsvorhersage wurden je AVEM-Muster teilweise spezifische Dimensionen relevant. Für Muster S, A und B z.B. erklärte eine Steigerung der Positiven Lebenseinstellung erwartungsgemäss eine Verbesserung in gesundheitlichen Dimensionen; für Muster S, welches sich durch relativ tiefes Engagement kennzeichnete, wirkte sich eine Steigerung in der Verausgabung und dem Perfektionsgrad - zumindest kurzfristig – spürbar negativ auf den Gesundheitszustand aus.
- Personen der AVEM-Muster G und S zeichneten sich gegenüber Personen der beiden Muster A und B durch weniger emotionale Betroffenheit in schwierigen beruflichen Situationen und bessere Fähigkeit der Emotionsregulation aus. Personen des Musters G verfügten über ein breiter gefächertes und breiter funktionierendes Copingverhalten als Personen der andern Muster. Ausserberufliche Bereiche wie Vereine und Freizeitaktivitäten wurden stärker noch als die Familie oder eigene Kindheits- und Jugenderfahrungen als Ressourcen für die Berufsarbeit wahrgenommen. Personen mit einem weniger breit gefächerten Copingprofil erinnerten sich in einer stärker ambivalenten oder negativen Art an beruflich bedeutsame Ereignisse und hinterliessen so ein stärker von Ressourcenverlusten geprägtes Bild.
- Unterschiede der AVEM-Muster liessen sich auch bezüglich der professionellen Einstellung – und damit indirekt des professionellen Handelns – bestätigen: Besonders für Personen des Musters G und teilweise des Musters A war es wichtig, sich für die Schüler/innen, die Schule und die eigene Fachkompetenz einzusetzen und Anerkennung und Achtung aus dem Kollegien- und Vorgesetztenkreis zu erhalten. Personen des Musters A schätzten sich dabei als weniger wirksam ein als Personen des Musters G. Personen des Musters S werteten die obigen Ziele gesamthaft als weniger bedeutend, sprachen sich selber aber eine ähnliche Selbstwirksamkeit zu wie Personen des Musters G. In Anlehnung an die Ressourcentheorie von Stephan Hobfoll lässt sich vermuten, dass die motivationale (Problem)Lage und die Schonhaltung der Personen des Musters S durch befürchtete Fehlinvestitionen und Ressourcenverluste begründet sein könnten.
- Professionalität und Gesundbleiben im Beruf sind nicht nur durch fachlich-didaktische, sozial-kommunikative und erzieherische Kompetenzen bedingt, sondern auch durch personale Kompetenzen im Bereich der Belastungsbewältigung. Die zunehmende Wichtigkeit des Teams als Stütze der individuellen Arbeit und als neu zu entwickelnde Arbeitsform ermöglicht, die Ressourcen und Erfahrungen der Lehrpersonen jeden AVEM-Musters zum Tragen zu bringen, sei es im gegenseitigen Lernen von professioneller Abgrenzung ebenso wie von professionellem Engagement und im Feiern oder Geniessen der gemeinsam erarbeiteten Erfolge. Ein Hilfsmittel zum Aufzeigen derartiger Entwicklungspotentiale bildet die Bearbeitung verschiedener Forschungsergebnisse im Rahmen des Werte- und Entwicklungsquadrats (Schulz von Thun u. a. m.).
Literaturhinweis:
Albisser, S., Kirchhoff, S., Meier, A., & Grob, A. (2006). Anforderungsverarbeitung und Gesundheit im Berufszyklus von Lehrpersonen. Symposiumsbeitrag zur Fachtagung „Balancieren im Lehrberuf“. Bern: Dez. 2006, www.gesunde-schulen.ch.
Publikationen in Vorbereitung:
Albisser, S., Kirchhoff, E., & Albisser, E. (2009). Berufsmotivation und Selbstregulation: Überfachliche Kompetenzentwicklung und Belastungserleben von Studierenden, berufseinsteigenden und erfahrenen Lehrpersonen. Unterrichtswissenschaft, 34 (2)(in Vorbereitung).
Letzte Aktualisierung: 29. Januar 2009
Projekt-Dokumente
Albisser_ARBEL_Anforderungsverarb.pdf [PDF / 384 KB] (pdf, 383Kb)
Albisser_Kirchhoff_2007.pdf [PDF / 596 KB] (pdf, 595Kb)


